© Marcus Koch

Vikariatsgedanken

Ein Blick hinter die Kulissen

Dieser Baum steht in Heemsen, nahe der Grundschule auf dem Weg in den Wald. Er steht da, stark und still, und doch erzählt er eine Geschichte.

Als ich mit einer Schulklasse auf dem Weg in den Wald an ihm vorbeiging, war das Staunen groß. „Ist da ein Blitz eingeschlagen?“ fragte eines der Kinder. „Das hat doch sicher gebrannt!“ sagte ein anderes. Und dann der Moment, in dem alle genauer hinsahen: „Wow, man kann ja durch ihn hindurchschauen!“

Der Baum hat etwas erlebt, das ihn gezeichnet hat. Ein Blitz, ein Sturm oder ein anderes zerstörerisches Ereignis hat ihn getroffen. Doch obwohl er sichtbar beschädigt ist, steht er da. Etwas Neues, ja sogar etwas Schönes ist entstanden: Durch das Loch im Stamm eröffnet sich eine ganz andere Perspektive – eine, die ohne diesen Schlag niemals da gewesen wäre.

Wenn ich diesen Baum sehe, denke ich an mein eigenes Leben. Auch ich habe solche Einschläge erlebt.

Es gab Menschen, die meine Grenzen überschritten. Grenzen, die ich damals kaum zu verteidigen wusste. Es waren Ereignisse, die meine Überzeugungen ins Wanken brachten und mich dazu aufforderten, mein Fundament neu zu überdenken. Der Verlust eines vertrauten Menschen, der mich tief bewegt und verändert hat. Momente, in denen Selbstzweifel mich begleiteten.

Diese Momente waren wie ein Blitz. Plötzlich. Schmerzlich. Zerstörend. Doch heute, wenn ich zurückblicke, sehe ich auch etwas anderes: Wie bei dem Baum ist aus diesen Einschlägen etwas Neues gewachsen. Es hat Zeit gebraucht, und oft war es nicht leicht, aber heute erkenne ich Gutes, das sich daraus entwickeln konnte.

Da ist die Stärke, die ich mir erarbeitet habe, um meinen Weg bis hierher ins Vikariat zu gehen – eine Stärke, die sich aus Herausforderungen und Erfahrungen geformt hat. Auch die Fähigkeit, Menschen zu begegnen, ihnen zuzuhören und dabei ganz ich selbst zu sein, ist ein Geschenk. 

In diesem letzten Jahr habe ich viel über mich selbst gelernt: Der Start ins Vikariat fühlte sich wie ein Neustart an, bei dem ich Menschen begegnete, die mir mit Wertschätzung und Vertrauen halfen, meine Stärken zu entdecken und sie auch anzunehmen.

Vor allem aber gibt mir die Gewissheit Kraft, dass ich diesen Weg nicht allein gehe. Es sind Menschen an meiner Seite, die mich ermutigen, die mir Rückhalt geben und die mich daran erinnern, dass in jeder Herausforderung auch eine neue Chance liegt – so wie der Baum, der trotz seiner Wunde stark weiterlebt und einen neuen Blick auf das Leben eröffnet.

Die Jahreslosung für dieses Jahr gibt mir Halt wie ein Anker, während ich mich weiter auf meiner Reise befinde: „Prüft alles, und behaltet das Gute.“ Ich sehe das Gute in meinem Weg bis hierhin – in den Hürden, die ich gemeistert habe, in den Prüfungen, denen ich standgehalten habe, und vor allem in dem, was ich dabei über mich selbst gelernt habe.

Wie der Baum am Wegesrand bin ich bereit, auch im kommenden Jahr neue Herausforderungen anzunehmen. Ich will das Gute entdecken. Dabei bin ich dankbar für die Menschen an meiner Seite, für die Gemeinde, in der ich wachsen darf, und für die Stärke, die aus all den Einschlägen entstanden ist.

In diesem Sinne wünsche ich allen den Mut, Wunden anzunehmen, die Kraft, weiterzugehen und die Hoffnung, in allem das Gute zu finden.

Ihre und eure  Vikarin
Silke Schiller